Die tachykarde Patientin II

Gloria 

Nervös stehe ich auf der Straße vor seiner Praxis und starre das Schild neben der Eingangstüre an. Sowohl sein Name als auch seine Fachrichtung stehen in goldenen Lettern auf burgunderrotem Hintergrund gedruckt und sehen auf mich herab. Langsam steige ich die paar Stufen zu dem alten Jugendstilhaus hinauf. Zögerlich drücke ich auf die Klingel und warte geduldig. Die Sekunden, die er braucht, um zur Türe zu kommen, erscheinen mir ewig lang. Mein Herz hämmert wild gegen meinen Brustkorb und vor lauter Aufregung wird mir ganz übel. Ich hätte mir meinen Plan besser zu Recht legen sollen, ärgere ich mich über mich selbst. Aber ich wollte ihn einfach wiedersehen. 

Zuerst hatte ich vor, wegen „akuter Bauchschmerzen“ zu ihm zu kommen und ihn um fachliche Hilfe zu bitten. Doch mir war schon allein bei dem Gedankengang klar geworden, dass er mich als Chirurg viel zu schnell durchschauen würde und dass ich meinen Plan umändern musste. Außerdem würde er mit Sicherheit hinterfragen, warum ich nicht in die Klinik, in der ich als Krankenschwester arbeite, gefahren bin. Zum Glück konnte ich mich noch sehr gut an jedes Detail unserer ersten Begegnung in dem kleinen Café am Flughafen erinnern. Besonders seine charismatische Ausstrahlung und seine dunklen, geheimnisvollen Augen sind mir im Gedächtnis geblieben. Am Rande hatte er bemerkt, dass er schon als junger Medizinstudent gewusst hatte, dass er später einmal Chirurg werden wollte. Nicht einmal ein akuter Myokardinfarkt, geschweige denn andere internistische Krankheitsbilder, konnten in ihm auch nur halb soviel Begeisterung wie ein blutendes Magengeschwür hervorrufen. So kam ich auf die Idee, leichte Herzrhythmusstörungen vorzutäuschen. Von seinen Erzählungen her wusste ich, dass er in seiner Praxis kein EKG-Gerät besaß und mich daher nicht so schnell überführen konnte. Außerdem fiel mir ein Zitat vom berühmten Wiener Pathologen Hans Bankl ein: „Der Chirurg kann alles, aber er weiß nichts…“ Nun hoffe ich inständig, dass er damit richtig liegt.

Plötzlich wird die Türe schwungvoll aufgerissen und der Professor sieht mich für eine Hundertstelsekunde leicht verärgert an. Schnell weicht sein etwas mürrischer Gesichtsausdruck einem erfreuten Lächeln und er strahlt mich kurz an. „Gloria…?“ – die Art, wie er meinen Namen ausspricht und der Klang seiner Stimme lassen mich vor Erregung erschaudern. Als er mich nicht sofort hinein bittet, beschleichen mich erste Zweifel und ich frage mich, ob ich ihn vielleicht bei irgendetwas störe. Ich hätte ihn doch vorher anrufen und mich ankündigen sollen, tadle ich mich im Stillen. Doch schließlich bittet er mich ins Haus hinein. Drinnen ist es gemütlich warm und irgendwo weiter hinten höre ich leise, klassische Musik spielen. Neugierig sehe ich mich um und schnell merke ich, obwohl ich ihn gar nicht richtig kenne, dass alles hier zu ihm passt.

Noch bevor wir das Untersuchungszimmer erreichen, das alles andere als kühl und steril eingerichtet ist, fragt mich der Professor nach dem Grund für meinen überraschenden Besuch. Nervös nestle ich mit den Fingern an meinem Bleistiftrock herum und versuche, sie abzuwischen. Aufgeregt erzähle ich ihm von meinen erfundenen Beschwerden, nur das kribbelige Herzflattern ist real und so stark, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Wenn er mich jetzt schnell abhört oder wenigstens meinen Puls misst, schenkt er meinen erfundenen Symptomen doch etwas mehr Glauben, überkommt mich ein leiser Gedanke und ich schicke ein kleines Stoßgebet gen Himmel, er möge möglichst bald mit der Untersuchung beginnen.

Genau in diesem Moment greift er ganz selbstverständlich nach seinem Stethoskop.

Doch zuerst nimmt er mit festem Griff mein Handgelenk und misst meinen Puls, der noch immer erhöht ist. Oh welch ein Glück, den ersten Test habe ich bestanden! Doch ich darf mich nicht zu sehr freuen, schließlich mime ich hier die leidende Patientin, die umsorgt werden will. Doch schon im nächsten Moment verplappere ich mich und erzähle ihm, dass die Beschwerden nach unserer ersten Begegnung in Frankfurt begonnen haben. Ich beiße mir auf die Lippe für meine unüberlegte Aussage und hoffe, dass er es nicht mitbekommt. 

Als er mich bittet, meinen Oberkörper frei zu machen, komme ich seiner Aufforderung liebend gerne nach. Extra für ihn trage ich heute meinen neuen BH, weinrote Spitze und einen passenden Tanga dazu. Ob er den heute auch noch zu Gesicht bekommen wird?, kommt es mir in den Sinn und meine Wangen röten sich verräterisch. Sein intensiver Blick auf mir, während er mich abhört, irritiert mich ein wenig und ich fühle mich ertappt. Viel zu schnell ist er mit seiner Untersuchung fertig, was mich zunächst ein bisschen enttäuscht. Es fühlt sich unglaublich gut an, ihm so nah zu sein und seine vollste Aufmerksamkeit zu genießen. Doch irgendwie beschleicht mich so ein Gefühl, dass er bereits Verdacht schöpft. Ich ziehe meine Bluse wieder an und überlege, ob ich schnell einen Vorwand erfinden soll, um schleunigst seine Praxis verlassen zu können. 

Als er mir schließlich unterstellt, ihn unter falschem Vorwand aufgesucht zu haben, überkommt mich eine unendliche Traurigkeit. Klar, ich musste damit rechnen, dass meine Scharade auffliegt, doch hätte ich ihn nicht so eingeschätzt, dass er tatsächlich darüber verärgert wäre. Ich schäme mich in Grund und Boden und kann ihn gar nicht ansehen.

Da bleibt mein Blick an einem Glasbehälter, der mehrere Fieberthermometer beinhaltet, fasziniert hängen. Mit glänzenden Augen erkenne ich aus der Ferne, dass es sich dabei um verschiedene, alte Quecksilberthermometer handelt. Wie interessant. Wofür ausgerechnet ein Chirurg in der heutigen Zeit so viele Relikte aus der Vergangenheit in seiner Praxis ausgestellt hat? 

„Aber die Temperatur messen wir jetzt noch. Denn das könnte schließlich auch noch eine Ursache für die Tachykardie sein. Legen Sie sich auf den Rücken.“, kündigt er an und reißt mich aus meinen Gedanken. In seiner Stimme schwingt plötzlich keine Spur von Ärger mehr mit. Es ist etwas anderes, das ich nicht genau ausmachen kann. Ich bin erleichtert, dass ich doch keine Bauschmerzen vorgetäuscht habe. Im schlimmsten Fall hätte er dann wahrscheinlich meine Temperatur oral und zum Vergleich auch noch rektal gemessen, um zu sehen, ob ein größerer Temperaturunterschied den Hinweis auf eine akute Appendizitis geben könnte. Erschrocken über diese Erkenntnis bleibt mir kurz der Mund offenstehen. Ich will ihm schon das Messinstrument abnehmen und mir unter den Arm klemmen, da bringt er mich unerwartet schnell in Rückenlage.

Ich kann einfach nicht fassen, was hier gerade mit mir geschieht. Halb nackt liege ich hier vor einem fremden Mann mit einem kalten Glasthermometer in meinem Allerwertesten. Zu allem Übel bin ich unglaublich feucht, was dem Professor unmöglich entgangen sein kann. Vor lauter Scham wird mir ganz heiß und ich spüre, wie meine Wangen glühen. Ich weiß gar nicht, was für mich in dieser Situation jetzt wohl besser ist: normale oder leicht erhöhte Temperatur? So oder so, verrät mir eine gewisse Vorahnung, wird mein Schauspiel Konsequenzen nach sich ziehen.

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